Allgemeine Aspekte

Wenn man versucht, die Übungen und ihre „Wirkungen“ zu charakterisieren, ist es sinnvoll, eine Sprechweise einzuführen und mit „gewöhnlichem Bewusstsein“ die Ebene des Bewusstseins zu bezeichnen, auf der wir uns normalerweise befinden. Dort setzen alle Übungen an. Davon zu unterscheiden ist ein „gehobenes Bewusstsein“ (das Überbewusste, wie es Kühlewind nennt), das zunächst rein hypothetisch ist, auf das wir allenfalls schließen können, das uns aber nicht in der Erfahrung direkt zugänglich ist. Man könnte sich die Grenze des gewöhnlichen zu dem gehobenen Bewusstseins wie eine Licht-Schattenlinie vorstellen, die durch die Bewusstseinsschulung allmählich weiter nach außen verlagert wird, so dass etwas bisher nicht Zugängliches nun erfahrbar wird.

Dem Denken kommt bei allen Übungen eine zentrale Bedeutung zu; denn das Denken ist die lichtvollste Kraft des Bewusstseins. Jede Klarheit, jedes Erfassen von Sinn und Bedeutung geht vom Denken aus. Das Denken bedarf keiner weiteren Erklärung sondern ist selbst die Quelle jeder Erklärung. Man kann nichts mehr „hinter“ dem Denken aufdecken, da auch dieses Aufdecken wieder nur mit Hilfe des Denkens möglich wäre. Das Denken selbst bedarf keiner Erklärung, weil es selbst alles sagt und auch sich selbst durchleuchtet.

Das Denken ist heute das hellste – eben durchsichtige – Erkenntniselement, und sowohl die Selbsterkenntnis als auch eine eventuelle Bewußtseinsschulung müssen bei der hellsten Bewußtseinstätigkeit beginnen, sonst bleibt gerade diese unentwickelt, und die Schulung führt nicht zu erkennenden seelisch-geistigen Zuständen. …
Bei der Betrachtung des Denkens ist es am ehesten möglich, den Beobachter auf die Ebene der Gegenwärtigkeit zu heben, da diese Ebene der Intuition in jedem neuen Verstehen punktuell berührt wird. «Nur durch eine Intuition kann die Wesenheit des Denkens erfaßt werden», (Philosophie der Freiheit, Rudolf Steiner, Kapitel 9, „Die Idee der Freiheit“), da sie selbst intuitives Wesen ist.
(Georg Kühlewind „Die Esoterik des Erkennens und Handelns in der Philosophie der Freiheit und der Geheimwissenschaft Rudolf Steiners“, S. 30, 1995, Verlag Freies Geistesleben)

Georg Kühlewind hat seine an Steiner angelehnte Bewusstseinsschulung Zeit seines Lebens weiter entwickelt. Denk- und Vorstellungsübungen waren der Ausgangspunkt („Bewusstseinsstufen“, „Konzentration und Kontemplation“, Verlag Freies Geistesleben, 1976). Sie wurden später durch Wahrnehmungsübungen ergänzt („Wege zur fühlenden Wahrnehmung“, Verlag Freies Geistesleben,  1990) . Zugleich erkannte er die freie, autonome Aufmerksamkeit als Grundkraft der menschlichen Seele. Das „Spielen“ mit der Aufmerksamkeit, ihre Verwandlungsfähigkeit und das Pendeln zwischen „bei sich sein“ und Hingabe (intentionale und empfangende Aufmerksamkeit) wurden zu den wesentlichen Elementen der Bewusstseinsschulung (s. z.B. „Licht und Freiheit“, 2004).

Die Übungen haben immer ein Objekt, auf das sich der Übende konzentriert. Aus Sicht mancher östlicher Meditationsschulen wie z.B. der Zen-Meditation mag das falsch erscheinen, weil dort gerade die Leere, das Loslassen und die Befreiung davon, irgendetwas zu wollen, als wichtige Voraussetzung für die Meditation gelten. Auch Denken gilt dort als Störung. In Wirklichkeit ist aber die Konzentration, die auch sehr anstrengend sein kann, nur die erste Stufe der Übungen; sie geht dann nach und nach in einen kontemplativen Zustand über, der zwar auch konzentriert ist, in dem sich aber der intentionale Wille, also der auf etwas aktiv ausgerichtete Wille in einen empfangenden Willen umkehrt (s. Kühlewind, „Der sanfte Wille“). Offenbar war es früher und in östlichen Kulturen eher möglich, gleich mit dieser zweiten Phase zu beginnen. In unserer hektischen und reizüberfluteten Umwelt ist aber meist die erste Konzentrationsphase nötig, um überhaupt die für die Kontemplation und Meditation erforderliche Bündelung der Aufmerksamkeit zu erreichen. Inwieweit dann die zweite Phase (Kontemplation) und die Meditation selbst mit entsprechenden östlichen Praktiken verwandt sind, bliebe speziell zu untersuchen.

Alle hier beschriebenen Übungen werden ein- oder mehrmals täglich sehr konzentriert durchgeführt. Die Dauer der Übung sollte so bemessen sein, dass man auf jeden Fall genug Ruhe finden kann, sich wirklich auf die Übung einzulassen und alles, was die Übung umfasst, konzentriert zu durchleben. Sie soll aber auch nicht zu lange dauern, weil es mit der Zeit immer schwerer wird, die Konzentration aufrecht zu erhalten.